Harriet’s

Spionage aller Art

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Du bist nicht nur Deutschland, sondern ein Star!

Stars kufen on Ice, Stars campen im Dschungel, Stars pilgern, Stars ärgern sich nicht, Stars raten für irgendeinen Zweck, Stars kochen zuhause, Stars brechen sich die Knochen – alles live im Fernsehen. Und nun die alles entscheidende Endlos-Satzfrage: Werden die Menschen Stars, weil sie das tun oder waren sie bereits Stars, bevor sie dies taten und wird man als Star gemacht oder macht man sich selbst zum Star oder braucht man in Wirklichkeit Starqualitäten, um dies alles nicht zu tun und ist man etwa ein Star, wenn man dies alles nicht tut und somit dann die letztentscheidende Fazit-Frage: Sind nicht wir hier im Lande außerhalb der Mattscheibe die eigentlichen Stars?

Ja, die namenlosen Bundesbürger und Fernsehgebührenzahler, die „Du bist Deutschland-Zielgruppe“, die eben nicht

  • gebotoxt,
  • geliftet
  • oder anderweitig total behämmert
  • irgendwelche Spieleshows oder Survivalfernsehsegmente füllen,
  • sich dort konsequent zum Clown machen oder sich die Haxen brechen zur Primetime,

das sind die wahren Stars unserer Zeit. Und kommen gottseidank nicht im Fernsehen, sollten aber über den Sinn desselben einmal nachdenken! Wir sind die Zuschauer!

Anne will es auch gut so

Was der Wowereit auch gut so findet, das will die Anne für sich auch mal in Anspruch nehmen. Sie ist eine Lesbe, und das ist auch gut so. Mal ganz ehrlich, brauchen wir solche Outings? Ist es für Lesben oder Schwule wirklich immer noch wichtig, wenn sich Prominente dazu bekennen, solche zu sein? Ich persönlich habe das Gefühl, Schwule und Lesben sind längst nicht mehr die schlecht behandelte Minderheit, als welche sie sich einst fühlten. Im Gegenteil. Sie sind ein Stück weit gelebte Normalität in unserer menschlichen Vielfalt – und das ist auch gut so.

Warum also will die Anne uns jetzt etwas zu ihrem Liebesleben sagen? Der Quote wegen? Etwa um sich aus dem Schatten der Sabine C. zu lösen? Warum macht sie nicht einfach einen guten Job, lässt sich nicht ständig unterbrechen, fragt mal das, was wirklich interessant ist und versucht journalistisches Profil zu gewinnen.

Mir ist es nämlich völlig schnurz, mit wem Frau Will ihr Privatleben teilt, mich interessiert eigentlich nur, ob sie ihren Job gut macht – und den macht sie zur Zeit nicht gut. Schade Marmelade, da hilft auch dieses völlig unnütze Outing nicht!

Nonverbale Eva Herman

Natürlich habe auch ich diese Kerner-Sendung gesehen. Herr Kerner gehört nicht zu meinen Lieblingsmoderatoren, er ist mir meist „zu gut Freund“ mit seinen Gästen, in jeder Hinsicht. Gestern allerdings war seine Sendung ein Highlight. Nicht wegen seiner Fragen, nein, wegen seiner Engelsgeduld, seinen gebetsmühlenartigen Aufforderungen an Frau Herman, einen Fehler einzugestehen. Wenigstens einen klitzekleinen.

Dabei geht es längst nicht mehr um den Satz. Wer die Sendung verfolgt hat, wer die Mimik von Frau Herman bei jedem Satz, den ein Anderer außer sie selber gesprochen hat, beobachtet hat, der weiß, dass Frau Herman eins nicht will, „zurückrudern“. Sie sieht sich als eine mutige Frau, die über Familie spricht. Und das geht in diesem unseren Land nicht, denkt sie, da wird man verfolgt, ausgegrenzt und nur die vielen Menschen, die ihr schreiben, die verstehen sie noch, nicht aber die Medienwelt. Jede noch so kleine „Handreichung“ in Form von Verständigungsversuchen von den anderen Gästen, jede „Hast Du vielleicht einen Fehler gemacht“-Nachfrage von Herrn Kerner selbst wurde von ihr ausgeschlagen und es wurde immer schlimmer.

Mir fiel besonders die nonverbale Eva Herman ins Auge. Ihr Blick, als Senta Berger sie fragt, wie alt sie 1968 war (10 Jahre übrigens) oder ihr Blick, als Margarethe Schreinemakers auf ihre Sendungen in den frühen 90ern verweist, in denen die Thematiken alle schon angesprochen wurden – nur die Familienthemen wohlgemerkt. Da schaute Frau Herman ablehnend, lächelte süffisant, hob die Augenbraunen und kommunizierte nonverbal, was sie von allen im Studio anwesenden Menschen hielt: Feinde oder Verblendete, die Schublade konnte sich jeder selber aussuchen.

Als Herr Kerner dann Frau Tietjen zitierte („Einige ihrer Äußerungen sind aber völlig inakzeptabel, das habe ich ihr schon immer gesagt“) …, da machte Frau Herman mit fast paranoid verzerrtem Blick selbst aus diesem „eine Warnung“, die brisanten Themen nicht zu vertiefen, weil man in diesem Land nicht über Familien reden dürfe. Sie verdreht also selbst diesen doch ausgesprochen moderaten Kritikversuch von Frau Tietjen in einen Hinweis auf ihre Verschwörungstheorie. Man will sie bremsen, sie, die über Werte spricht, die die bösen 68-er alle kaputt gemacht haben oder waren es die Nazis oder nein, es waren beide oder wie oder was. Und dann quollen sie wieder aus ihr heraus, die ungebremsten krausen Gedanken, die alle in die braune Ecke passen. Sie hat keinerlei kritische Distanz mehr zu sich selber und eignet sich deshalb auch für kein Gespräch, für keine Diskussionsplattform mehr. Eva Herman ist im Krieg – auch mit sich selber. 

Ihr Feldzug für sich selber ging durch die ganze Sendung … bis Herr Kerner Frau Herman freundlich bat, zu gehen, weil Senta Berger gehen wollte. Vorher schon hatte Frau Schreinemakers sich nicht mehr nur distanziert, sondern ihr Gehen angekündigt. Und selbst der Mario Barth konnte nicht anders und fragte Frau Herman, ob sie nicht einfach mal sagen könne, dass der Satz, um den es längst nicht mehr ging, den sie aber zweifelsfrei gesagt hat, „Kacke“ gewesen sei. Nein schrie es aus dem Gesicht von Eva Herman. Dann ging sie überraschend still mit erhobenen Augenbrauen. Ich habe kurz danach ausgeschaltet, weil ich den Gesprächswechsel, den fröhlichen Smalltalk nicht hören wollte. Das ist wie bei einer Party, bei der es Schlägerei gab, danach ist man auch nicht mehr in Stimmung, Walzer zu tanzen. Aber, the ZDF-Show must go on … professionell gehandhabt von allen Beteiligten, aber unansehbar für mich.

Ich bedauere, dass Frau Herman in den letzten Monaten so viele Plattformen gegeben wurden zur Selbstdarstellung und der gestrige Abend war und bleibt hoffentlich der letzte Auftritt vor einem Millionenpublikum. Ich fürchte allerdings, dass es bald eine Talkrunde in irgendeinem Privatsender geben wird, moderiert von Eva Herman … und wenns Quote bringt, dann auch für länger. Meines Erachtens nach fehlt Frau Herman jetzt eine Familie, die sie vor sich selbst schützt!

Nachts geflüstert

Zehn Jahre Tatort aus Köln mit Klaus Behrendt und Dietmar Bär – das Jubiläum wurde mit Nachgeflüster gefeiert. Mir hat er nicht gefallen, der Krimi, zu offensichtlich war von Anfang an der Mörder erkennbar und die roten Fäden des schrulligen Mit- und Gegeneinander der beiden Kommissardarsteller waren flach und uninspiriert zurechtgezogen, Drah di net um – oh, oh, oh. Schau, schau, der Kommissar geht um – oh, oh, oh. Routine eben, jeder Handgriff sitzt, die Pointen purzeln ohne Mimik durch den Krimi, es fehlt … etwas Leben, da half auch die frisch glättend zurechtgespritzte Anna Loos singend am Schluß gar nicht, außer das man zweimal gucken mußte, um sie zu erkennen.

Langeweile pur hat die Hauptdarsteller ergriffen, es schwappt schon rüber ins reale Leben. Anders ist der Verlauf dieses unglücklichen Interviews nicht zu erklären, denn das konnte Herr Bär eigentlich, einem Interview seinen „Espritstempel“ aufdrücken, wenn der Interviewer selber schon nicht inspirierend fragen kann. Der Tee der Routine hat einfach zu lange gezogen!

Provinzielle Nichtvorbereitung

BILD-Leser sind immer dabei, denn als neuer Werbepartner von Wetten, dass … erfahren die Leser vorab von Herrn Gottschalk, dass er sich gar nicht vorbereitet, vor der Sendung. Spontaner Smalltalk ohne tiefere Bedeutung – so macht er seine Interviews. Und im Saal klatschen dann artige Schweizer emotionslos brav. Lila gewandet – wie war das noch mit der Vorliebe älterer Menschen zur Farbe lila? – führt er durch die Sendung und plaudert so vor sich hin zwischen den Wetten … Es war nicht alles schlecht, was Eva Herman gesagt hat … ja, Herr Gottschalk ist ganz spontan … und weil das schon heftig war, gibt es noch einen Chauvispruch hinterher … Bitte seien Sie nett zu mir, es gibt nicht mehr viele Blondinen im deutschen Fernsehen. … Thea, aufgepasst, färb Deine Haare blond, möchte ich da nur in Richtung Frau Gottschalk rufen.

Thomas Gottschalk hatte den BILD-Lesern ja anvertraut, dass das ZDF nichts dafür könne, „dass unsere Nation langsam vergreist. Und wenn die Leute weniger fernsehen würden, gäbe es wahrscheinlich mehr Kinder“. Nun, das kann ich nur als verzweifelten Aufruf werten, Wetten, dass … nicht mehr anzuschauen. Und wer so formvollendet darum bittet und sich so engagiert für eine Verschlechterung des Fernsehprogramms einsetzt, der hat unser aller „Power-Off“ verdient!

Anne Will keiner

Wenn Frau Will am Sonntagabend auf dem Bildschirm dezent begrüßend lächelt, zappen rund 3 Millionen weg, also mal fernsehdeutsch gesagt, die Quoten gehen in den Keller. Woran mag das liegen? War Frau Christiansen etwa so viel besser oder nur blonder? Nein, ich persönliche glaube, der englische Sonntagskrimi im Zweiten ist des Rätsels Lösung, denn der ist in der Regel spannender, als der gepflegte Polittalk nach dem Tatort. Zweimal Krimi am Abend, das stärkt für die neue Woche, denkt sich der Zuschauer und irgendwie gehöre ich auch dazu. Mir hängen diese „Was sagen Sie denn dazu, dass … „-Runden mit geschniegelten Herren und beineüberschlagenden Damen – diese, das gehört sich wohl so, entschieden in der Unterzahl – schon lange zum Hals heraus. Und da ist es mir egal, wer es moderiert – mein persönlicher Sonntagsabendkrimi geht nämlich so: Ich morde um 21:45 Uhr mittels Fernbedienung! 

Kuscheliger Smalltalk mit Herrn Ackermann

13 Millionen Euro Jahresgehalt, bekannt für sein stets präsentes Victoryzeichen und Dauergrinsen, Josef Ackermann himself bei Maybrit Illner. Da träumte man beim ZDF wohl von guten Quoten, wenn man in diesen Zeiten der Bankenmiseren und Finanzkrisen eine ganze Sendung nur mit Herrn Ackermann und Frau Illner macht. Harte Fragen, forsch, so typisch Illner eben oder zumindest so, wie man beim ZDF Frau Illner sieht, so stellte man sich das sicher vor.

Ein sichtlich unbequemer Stuhl für den Banker und zu Beginn auch die eine oder andere unbequeme Frage. Aber besser geschult als früher verzichtete Herr Ackermann auf allzu Plakatives, aber im Grunde genommen ist die Botschaft: In Deutschland kommt es nicht so weit und eigentlich gibt es kein Problem, welches die Deutsche Bank nicht in den Griff bekommen könnte. Wer das glaubt, hat nicht verstanden, dass Banken nicht die Freunde von uns Menschen sind, sondern ganz schlicht Verführer und trickreiche Wegelagerer, die uns ohne mit der Wimper zu zucken, ein „U“ für ein „X“ verkaufen. Und dieser „Wir reden uns selber schön“-Charme von Herrn Ackermann brachte schlußendlich auch die Maybrit Illner zu Fall, denn irgendwann bohrte sie nicht mehr nach und ließ es zu, dass Herr Ackermann ein teuflisch sympatisches Gesicht bekam. Soviel verdient er gar nicht, der Ackermann, da werden Grafiken gezeigt, die zeigen, dass sein Salär gerade mal Taschengeldniveau im internationalen Vergleich hat. Und der Josef möchte zurückgeben, der gute Ackermann, sich karitativ betätigen, oh, wie schön. Und so geht die Sendung zu Ende mit ein paar Sätzen von Frau Illner, die Herr Ackermann ergänzen soll … na, wir wollen ihn doch ein bisschen besser kennenlernen, den Mann, der Rekordumsätze und Massenentlassung in einem Atemzug so sagt, als bestelle er den Apfelkuchen ausnahmsweise mal mit Schlagsahne.

„Für die Europameisterschaft erhoffe ich mir,…“ „…dass Deutschland und die Schweiz im Finale stehen.“ Da lacht das Publikum und freut sich, dass der Schweizer Ackermann so lieb an uns Deutsche denkt. „Die Schweizer reden langsamer als die Deutschen, weil…“ „…weil sie langsamer denken.“ Herrlich, wie komisch der sein kann, brüllendes Gelächter. „Der entscheidende Unterschied zwischen Schröder und Merkel? „Ich habe Frau Merkel als sehr vertrauensvoll empfunden.“ Dann schweigt der Herr Ackermann, grinst ein wenig und das Publikum brüllt anerkennend vor Begeisterung. Was haben wir ihn lieb, den Ackermann, das ist ein Mann!

Und ich frage mich, ob die Deutsche Bank eigentlich gar nicht weiß, wie tief die Banken in der Krise stecken oder ob ich einfach die falschen Zeitungen lese und die kriegen das hin. Aber dann fällt mir ein, wer sich da bei der Illner gut verkauft hat, der heißt Ackermann und der Name steht dafür, dass man über Millionen noch charmant plaudert, die auf der Habenseite bereits  fehlen. Und wenn er gestern fröhlich erklärt, Mannesmann und seine Rolle dort bereits abgehakt zu haben, komisch, ich habe das nicht vergessen. Und das ist auch gut so!